Wir haben es satt!

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„Wir haben es satt - auch in Niederbayern“

Was die Berliner können, können wir auch. Sagten die Niederbayern und demonstrierten zum zweiten Mal unter dem Motto „Wir haben es satt“ in Passau. Denn während auf der zeitgleich stattfindenden weltweit größten Agrarmesse in Berlin – der Grünen Woche – grad so getan wird, als sei alles paletti mit der Landwirtschaft, der Umwelt und den Tieren, regt sich draußen immer mehr Widerstand.

Zur Auftaktkundgebung im Passauer Klostergarten finden sich mit uns rund 500 Menschen ein. Weniger als erwartet, was wohl am anhaltenden Schneegestöber und den schlechten Straßenverhältnissen lag. So werden diejenigen, die kamen, von den Rednern des Aktionsbündnisses überschwänglich gelobt. Von Karl Haberzettl, Passauer Kreisvorsitzender vom Bund Naturschutz etwa oder der Grünen-Landtagsabgeordneten Rosi Steinberger. Und weil das Wetter so garstig ist, heizt die Samba-Trommelgruppe Banda de Moleques den Protestlern so richtig ein. Bei den Rednern auf der Bühne geht es um die fatalen Auswirkungen der intensiven industriellen Landwirtschaft. Um Pestizide, Gülle, Monokulturen und tote Böden. Um Höfesterben, Tierleid, Bienen und den Verlust der Artenvielfalt. Der Auftrag an die Bundesregierung, den überfälligen Umbau der Landwirtschaft endlich anzupacken, ist unmissverständlich. Der anschließende Demonstrationszug führt durch die Altstadt, bunt, friedlich und mit einem Kochlöffelkonzert vor allem laut. Die Abschlusskundgebung ist am Rathausplatz. Sepp Rottenaicher, ehemaliger Umweltbeauftragter der Diözese Passau, findet bewegende Worte in Anlehnung an das Zitat von Martin Luther King: „Ich habe einen Traum…“

Was hat’s gebracht?

Ja, es wird viel demonstriert für eine Agrarwende. In Berlin zum neunten Mal mit 35.000 Menschen, in Passau und vielen anderen deutschen Städten. Allein in München gingen im letzten Jahr bei der Demo „Mia ham’s statt“ 18.000 Menschen auf die Straße. Gelebte Demokratie also. Da drängt sich doch die Frage auf: Was hat’s gebracht? Scheint es nicht grad so weiterzugehen, wie es niemand will? Folgen wechselnde Landwirtschaftsminister*innen in Berlin und München lieber dem Ruf der Agrarindustrie und des Bauernverbandes, statt dem Ruf der Demonstranten? Da wäre die Wiederzulassung von Glyphosat in Brüssel. Trotz Proteste. Auch das Kükenschreddern wird weiter praktiziert, die betäubungslose Kastration bei Ferkeln oder die tierschutzwidrige Schweinehaltung. Trotz Proteste. Ein Volksbegehren gegen den Flächenfraß lehnte sogar der Bayerische Verfassungsgerichtshof ab. Was wurde schon demonstriert für eine gerechte Umverteilung der EU-Agrarsubventionen. Wo die größten Betriebe 80 Prozent der 6,3 Milliarden kassieren, völlig egal, wie sie mit Tier und Natur umgehen. Doch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hält an den pauschalen Flächensubventionen fest. Klöckner lehnt auch eine Nährwertkennzeichnung bei Lebensmitteln ab, obwohl sie immer wieder gefordert wird. Aber diese „Ampel“ wurde ohnehin unter dem massiven Lobbydruck der Lebensmittelindustrie als EU-Verordnung beerdigt. Auch eine staatlich verpflichtende Haltungskennzeichnung bei Fleisch will Klöckner nicht haben. Dass im ganzen Kennzeichnungswirrwarr ausgerechnet die Discounter Lidl, Aldi und Netto einen übersichtlichen Haltungskompass für Fleisch einführten, ist ein Armutszeugnis für unsere Regierung.

Dennoch nennt Klöckner den Ruf nach einer Agrarwende bei der dpa „eine Wende zurück in alte Zeiten“, und in einem Interview im ARD Magazin „Bericht aus Berlin“ sagt sie über die Demo in Berlin: „….es ist auch ein bisschen Gaudi.“ Dieses Zitat kritisiert der ARD-Journalist Georg Restle in seinem Twitter-Account: „Für Julia Klöckner sind Proteste gegen ihre Agrarpolitik ‚Gaudi‘. Zeigt, wie ernst sie ihren Job nimmt.“

Es mag ja sein, dass trotz der Demos Stillstand herrscht. Dennoch funktionieren sie. Schaffen sie doch Aufmerksamkeit in allen großen Medien. So wächst die Zahl derer, die aufstehen. Wie im Hambacher Wald. Wo sich Zehntausende zu einem breiten Widerstand gegen die drohende Abholzung formierten, trotz brutaler Polizeieinsätze. Wo ein Wald zum eindrücklichen Symbol einer verfehlten Klimapolitik wurde. Seit Samstag ist der Kohleausstieg beschlossen. Der Hambacher Wald gerettet.

Da ist auch Greta Thunberg. Eine 16-jährige Schülerin aus Stockholm. Jeden Freitag schwänzte sie die Schule, um vor dem Parlament für den Klimaschutz zu demonstrieren. Es entstand die Bewegung „Fridays for Future“, der sich Zehntausende Schülerinnen und Schüler international anschlossen. Schon erstaunlich, dass Jugendliche ihre Meinung auch außerhalb Facebook kundtun können. Daumen hoch!

Eines ist klar: Die Regierungen brauchen viel mehr Druck von uns Bürgerinnen und Bürgern. Nur dann wird sich etwas ändern. Es ist aber ebenso klar: Auch WIR müssen uns ändern. Unsere Essgewohnheiten, unser Konsumverhalten. Denn Tier- und Umweltschutz gibt es nicht zum Nulltarif.