Essen ist politisch

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Mehr als 300 Demonstranten forderten die längst überfällige Agrarwende.

Es ist schon beinahe Tradition. Zeitgleich zur Grünen Woche in Berlin gehen dort Zehntausende Menschen mit einem entschlossenen „Wir haben es satt“ auf die Straße. Über eine Viertelmillion Protestler waren es in den letzten zehn Jahren. Auch in Passau wurde wieder demonstriert – zum dritten Mal Denn: Zu viele Probleme gehen auf das Konto der industriellen Landwirtschaft. Der flächendeckende Einsatz von Pestiziden. Das Artensterben. Die Monokulturen. Der Luftschadstoff Ammoniak. Die Nitratbelastung des Grundwassers durch Gülle. Seltsam nur, dass einerseits die Verstöße von der EU beklagt und andrerseits die Problemverursacher millionenschwer subventioniert werden. In einem kranken, profitorientierten System, das zu den größten Umweltproblemen unserer Zeit beiträgt. Wo Mastanlagen für 15.000 Schweine oder 40.000 Hühnern das Bild prägen. Wo ein Tier kein Lebewesen mit Bedürfnissen, sondern ein Produkt ist. Neben der moralischen Frage, ob eine Gesellschaft, die sich für zivilisiert hält, so mit Tieren umgehen darf, verstoßen auch hier zahlreiche Missstände gegen geltendes EU-Recht: Schweine ohne Ringelschwänze, Kastration ohne Betäubung, Verstümmelung. Sauen ohne Platz, Kastenstände. Kükenschreddern.

Greenpeace hat vor allem Julia Klöckner (CDU) im Visier. So bringt die Landwirtschaftsministerin kurz nach dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ 18 neue Pflanzenschutzmittel auf den Markt, darunter ein Insektenbekämpfungsmittel mit dem bienengiftigen Wirkstoff Cyantraniliprole. Dabei sorgte schon ihr Amtsvorgänger Christian Schmidt für Unmut, als er 2017 in Brüssel für eine erneute Genehmigung von Glyphosat gestimmt hat.

Klöckner blockiert die Lebensmittelampel für eine verpflichtende Nährwertkennzeichnung, hält an der ungerechten Verteilung der EU-Gelder fest und präsentiert sich in trauter Einigkeit mit Nestlé-Chef Boersch. Auch den Tieren geht es schlecht. Nach wie vor. Weil die Ministerin den Stopp umstrittener Tiertransporte in Drittländer, wo selbst minimalste Vorgaben ignoriert werden, als „überstürzt“ bezeichnet. Weil Missstände in der agrarindustriellen Tierhaltung mit immer wieder verlängerten Übergangsregeln geduldet werden.

Wäre noch die einheitliche, verpflichtende Haltungskennzeichnung für alle Fleischprodukte. Diese lehnt Klöckner ebenfalls ab. Dabei sind 90 Prozent des Fleisches bei Discountern Billigfleisch. Jedem Verbraucher sollte klar sein, dass darin kein Tierwohl stecken kann. Da können grad mal die Kosten der Bauern gedeckt werden. Viele treibt das in den Ruin, das Höfesterben ist dramatisch. Wollen wir das alles? Und schon schiebt die Ministerin die Verantwortung auf die Verbraucher ab. Und präsentiert rechtzeitig zur Grünen Woche ihre Kampagne „Zu entscheidest“. So einfach ist das für Klöckner. Stattdessen brauchen wir klare Vorgaben, die verlässliche Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft schaffen. Keine Selbstverpflichtungen und Absichtserklärungen mehr!

Greenpeace: „Klimaschutz, Tierschutz, Artenschutz. Machen Sie endlich Ihren Job, Frau Klöckner!“