10 Jahre Greenpeace Deggendorf

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Deggendorf aktuell im Gespräch mit Ilona Kienle, Öffentlichkeitskoordinatorin, Greenpeace Deggendorf.

Dggendorf. Heuer gibt es die Greenpeace-Gruppe Deggendorf zehn Jahre. Grund zum Feiern? Oder bremst Corona derzeit auch Greenpeace aus? - Über aktuelle, aber auch vergangene Aktivitäten sprachen wir mit Ilona Kienle, der Öffentlichkeitsbeauftragten von Greenpeace Deggendorf.

Ilona Kienle: Klar wäre unser 10-Jähriges ein Grund zum Feiern gewesen. Wir wollten im Herbst ein ganz großes Umweltfest auf die Beine stellen. Aber das Virus hat unsere Planungen ganz schön durcheinandergewirbelt. Auf nicht absehbare Zeit wurden im März auch unsere Gruppentreffen sowie Demonstrationen abgesagt.

aktuell: Können Sie Greenpeace kurz und knapp erklären?

Die Erfolgsgeschichte der „Regenbogenkrieger“, wie Greenpeacer auch gern genannt werden, begann 1971. Als eine Truppe kanadischer Friedensaktivisten mit einem alten Kutter vor der Küste Alaskas gegen die Atomtests der USA protestierte. Die Rettung der Wale schließlich geht um die Welt. Und es ist dieses eine bekannte Bild, das Greenpeace zur Ikone macht. Als der Harpunierer über Aktivisten im Schlauchboot hinweg schießt. David gegen Goliath. Menschen, die ihr Lebenriskieren, um die Jagd auf Wale zu verhindern.

Heute ist Greenpeace als internationale Umweltorganisation in 26 Ländern vertreten und in mehr als 55 Ländern aktiv. Mehr als eine halbe Million Fördermitglieder, 105 Gruppen in verschiedenen Städten mit rund 3000 Ehrenamtlichen unterstützen allein Greenpeace Deutschland mit seiner Zentrale in Hamburg. Es steht wohl außer Frage, dass Greenpeace über die Jahre einen großen Anteil an der Veränderung unseres Umweltbewusstseins hatte.

aktuell: Was für Ziele verfolgt Greenpeace, und mit welchen Mitteln versucht man, diese zu erreichen?

Ziel von Greenpeace ist, Umweltzerstörung zu verhindern und Menschen zu umweltfreundlichem Verhalten zu bewegen. Schwerpunkte sind dabei der Klima- und Artenschutz. In Deutschland arbeiten wir für den Ausstieg aus der Atom- und Kohleenergie, für den Schutz von Wäldern und Meeren, für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, Frieden und Abrüstung sowie nachhaltige Mobilität. Dafür sucht Greenpeace nicht nur die öffentliche Auseinandersetzung mit Politikern und Umweltzerstörern, sondern legt sich auch mit den größten Konzernen an. Greenpeace präsentiert dabei stets Lösungen.

aktuell: Welche Aufgabe/Funktion übernimmt hier die Gruppe Deggendorf?

Das ist verschieden. Zu den jeweiligen Kampagnen unserer Zentrale beteiligen wir uns an den „Gruppenaktionstagen“, die zeitgleich in mehreren Städten stattfinden. Zum einen sind das Infostände oder – wenn es um ein bestimmtes Unternehmen geht - labeln wir. Das heißt, wir kennzeichnen dort Ware oder Gegenstände mit Aufklebern. Wir haben auch schon Fenster mit Plakaten beklebt oder Wege besprüht. Jeweils mit „eindeutiger Botschaft“. Wir waren mit diesen Aktionen bei VW, Lidl, McDonalds, Tooms, Obi und öfter mal bei Shell. Nicht jede*r aus der Gruppe will hier mitmischen, zumal es meist Ärger gibt und die Polizei kommt. Aber ins Gefängnis musste noch niemand von uns.

Na klar haben wir auch eigene Ideen. Dafür basteln wir schon mal einen Baum aus Plastikabfall, sammeln Müll an der Donau oder bemalen große Banner. Zur Freude der Deggendorferinnen und Deggendorfer verschenkten wir nicht nur einmal Stofftaschen, Blumensamen im Rahmen unserer Bienenkampagne oder Vergissmeinnicht zum Jahrestag von Fukushima. Wir waren beim Afrikafest in Deggendorf und sind jedes Jahr mit einem aktuellen Thema beim Donaufest in Niederalteich. Ein eher persönliches Anliegen waren unsere beiden Aktionen gegen Pelz. In München demonstrierten wir gegen Atomkraft, gegen TTIP, zum G7-Gipfel, zu Mia ham’s satt, zur EU-Wahl. Zeigten in Passau beim Politischen Aschermittwoch Flagge und bei „Wir haben es satt“. Demos bringen halt auch Freude, und wir treffen Greenpeacer anderer Gruppen. Und weil Umweltbildung ein großes Thema von uns ist, waren wir an der Kinder-Uni, halten Vorträge an Schulen. Ebenso unterstützen wir in Deggendorf Fridays for Future, das Reparatur-Café und „Donauschutz = Artenschutz“.

aktuell: Wer, bzw. wie viele Menschen stehen hinter der Ortsgruppe? Und was für Leute sind es grundsätzlich, die sich bei GP engagieren?

Es mag ja sein, dass uns das Image der Gründer-Hippies immer noch anhaftet. Nichtsdestotrotz bringt sich eine bunte Mischung aus etwa zwölf Leuten in der Gruppe ein, vom Schüler über den Programmierer bis zum Rentner. Den verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt leben wir vor, ob es nun um vegetarisch/vegane Ernährung, Energieverbrauch und Wechsel zum Ökostromanbieter oder Mobilität geht. Es geht dabei nicht nur um unsere Glaubwürdigkeit. Wir möchten die Menschen durch unser Verhalten zum Handeln inspirieren. Zu einem Plenum treffen wir uns alle zwei bis drei Wochen. Unser Gruppenkoordinator hält alles zusammen, sorgt dafür, dass Greenpeace auch in Deggendorf gut läuft – und das seit dem ersten Tag. Eine strenge Hierarchie ist uns allerdings fremd. Es gibt nur ein paar Leute, die halt besonders fleißig sind.

aktuell: Wer hat Greenpeace Deggendorf 2010 gegründet?

Wie alles begann? Die Idee kam von zwei engagierten Schülern und einer Schülerin des Comenius-Gymnasiums, denen das Wohl unserer Umwelt am Herzen lag. Mehr brauchte es nicht, um 2010 mit weiteren neun Mitstreitern Greenpeace nach Deggendorf zu holen. Ungefähr die Hälfte davon ist bis heute dabei. Natürlich freuen wir uns immer über neue Leute mit Idealismus und Kreativität. Eine Fördermitgliedschaft bei Greenpeace ist dazu nicht notwendig.

aktuell: Was für herausragende Aktionen/Aktivitäten gab es?

Spektakulär waren 2011 in jedem Fall die großen gelben Andreas-Kreuze, Symbol der Castor-Gegner, die wir überall im Deggendorfer Landkreis aufstellten. Für viele waren die Kreuze ein Rätsel, sogar für Stadträte. Bis wir das Geheimnis lüfteten. Am Oberen Stadtplatz fielen wir dann reihenweise „radioaktiv verstrahlt“ um und erinnerten so an den Supergau in Tschernobyl. Dazu hielten wir Mahnwache beim AKW in Niederaichbach.

Zu den Highlights gehört natürlich auch unser Fluss und Küstenschiff Beluga, das dreimal in Deggendorf vor Anker lag, und bei den Multivisionsshows mit den Greenpeace-Fotografen Markus Mauthe sowie Bernd Römmelt standen die Leute wirklich Schlange. Voll besetzt war das Deggendorfer Kino auch bei der Erstaufführung der Filme La bueno vida sowie Wackersdorf, jeweils mit den beiden Regisseuren Prof. Jens Schanze und Prof. Bruno Gandlgruber. Über die Einladung, uns hier präsentieren zu können, freuten wir uns sehr.

aktuell: Was blieb besonders in Erinnerung?

Es ist so vieles. Als wir 2013 in den Greenpeace-Nachrichten vorgestellt wurden, darauf waren wir wirklich stolz. Unvergessen sind unsere Proteste bei strömenden Regen und in jedem Fall die Label-Aktionen. Kreativ und lustig fand ich, als 2015 die Deggendorfer*innen auf Stoffresten ihre Botschaft an Shell schrieben und daraus ein großer Putzlappen genäht wurde. Es ging damals um die Ölbohrungen in der Arktis. Ein echter Hingucker war, als Tom und ich in den Brunnen am Deggendorfer Stadtplatz stiegen. Es ging – wie könnte es anders sein – auch um Shell. Ewig erinnern werde ich mich an die Demo zur Europawahl. Sie glich einer riesigen Party, und wir hatten echten Spaß.

Mit Bikini & Badehose in der Donau

Am meisten gelacht haben wir bestimmt, als wir im Winter 2019 mit Bikini und Badehose in die Donau stiegen. Obwohl der Hintergrund durchaus sehr ernst war. Schließlich wollten wir auf den Klimawandel aufmerksam machen. Am emotionalsten war 2013 alles um die „Arctic 30“. Als 30 Greenpeace-Aktivisten in der Arktis gegen die Ölbohrungen von Gazprom demonstrierten, festgenommen und in russische Untersuchungshaft kamen. Ihnen drohten jahrelange Haftstrafen. Wochenlang hielten wir damals Mahnwachen, zündeten Lichter am Deggendorfer Stadtplatz an. Setzten uns mit vielen anderen mit einem Laternenumzug vor der russischen Botschaft in München für die Freilassung der Aktivisten ein. Nur durch eine Amnestie sind unsere Leute dann frei gekommen, nicht aufgrund eines Urteils einer unabhängigen Justiz. Einer der Aktivisten, der Russe Roman Dolgov war 2015 mit an Bord der Beluga in Deggendorf und erzählte von seinen Erlebnissen. Das war zweifelsohne ein Glanzpunkt in diesen zehn Jahren.

aktuell: Sind Sie zufrieden mit dem, was Greenpeace in den letzten Jahren vor Ort geleistet, bzw. bewirkt hat?

Ich denke, wir können durchaus zufrieden sein, zumal wir eine kleine Gruppe sind. In jedem Fall haben wir viele Themen auf die Straße nach Deggendorf gebracht mit tollen Begegnungen und interessanten Gesprächen.

aktuell: Hat die Corona-Krise Ihrer Meinung nach einen Bewusstseinswandel in Politik und Bevölkerung eingeleitet?

Zum einen wissen wir, dass Naturzerstörung Pandemien bedingt. Wenn diese verhängnisvolle Entwicklung ungebremst weitergeht, hat das kaum abschätzbare Folgen. Zum anderen zeigt uns Corona, wie entscheidend es ist, auf die Wissenschaft zu hören. Wie wichtig entschlossenes Handeln der Politik ist. Es wäre wünschenswert diese Lehren auch auf den Klimaschutz anzuwenden. Covid-19 hat aber auch gezeigt, dass die immer weiter fortschreitende ungesteuerte Globalisierung zu einer ungerechten und nicht ökologischen Weltwirtschaft führt. Leider hat es unsere Regierung versäumt, mit ihren milliardenschweren Hilfsgeldern den Startschuss für einen wirklich grünen Neustart der Wirtschaft zu geben. Schade, denn klug gewählte Konjunkturförderungen können gleichzeitig den Klimaschutz voranbringen, Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft zukunftssicher wieder aufbauen. Greenpeace vertritt hier einen klaren Standpunkt: „Kein Geld für gestern!“

aktuell: Haben Sie ein Schlusswort?

Am besten trifft es wohl dieses Zitat: „Wir haben die Erde nicht von unseren Vorfahren geerbt, wir haben sie von unseren Kindern geliehen.“ Es stammt von dem Lakota-Indianer Sitting Bull und ist nach wie vor bedeutsam. Lasst uns also aufeinander und auf unseren Planeten aufpassen.

Die Fragen stellte Andrea Weidemann